Der Wert der Erfahrung

20. Juli 2009

Als Wirtschaftsminister zu Guttenberg nominiert wurde war das Raunen groß. Wie kann man einen so unerfahrenen, jungen Mann in ein so hohes Amt heben? Aber was heißt bzw. was ist das überhaupt – Erfahrung?

Erfahrung entsteht dann, wenn man bestimmte Situationen wiederholt, immer etwas variiert, erlebt und anhand dieses Wissens Schlüsse auf Ausgänge ähnlicher, noch kommender Situationen ziehen kann.  Das gilt beim Autofahren, aber auch bei vielen anderen Dingen im Leben. Ich hatte in einem Eintrag über die Entwicklung von Gedanken gesprochen. Diese Entwicklung hat sehr viel mit Erfahrung zu tun. Sie ist sozusagen der Grundmechanismus der Erfahrung überhaupt möglich macht. Ich gehe über die Straße, auf einmal kommt ein Auto von links. Beim nächsten mal gucke ich nach links bevor ich die Straße überquere und plötzlich, von rechts … Meine Erfahrung, was das Straßenüberqueren betrifft, wächst, jede Situation wird mit eingebaut.

Erfahrung ist also die Summe von erlernten Mustern in der eigenen Umwelt, je größer die Anzahl der einzelnen Situationen desto größer wird die Erfahrung. Das eigene Wissen ist auch Teil der eigenen Erfahrung und damit komm ich zu einem weiteren wichtigen Punkt. Würden wir alle, alles neu erfahren müssen, würde jeder Mensch immer von Null anfangen und das Rad würde täglich neu erfunden werden. Um dem entgegen zu wirken hat der Mensch ein System entwickelt um das Aneignen von Erfahrung zu beschleunigen. Dieses System heißt Bildung. Alles was man in der Schule, der Universität oder  auch einer Dokumentation im Fernsehen etc. lernt ist eingedampfte Erfahrung anderer. Wir assimilieren diese Erfahrung um unseren eigenen Kenntnisstand bestmöglich zu erweitern. Das ist auch der einzige Weg wie die menschliche Zivilisation überhaupt so weit kommen konnte. Angefangen von den Erfahrung der Älteren, im alten Ägypten und noch früher, über die Saat der Felder bis hin zur heutiger Zeit, wo jeder vernünftige Mensch verstanden haben sollte, dass so was wie im Dritten Reich gar keine Gute Idee war.

Erfahrung hat viel damit zu tun, hinzufallen und dann wieder aufzustehen. Also aus Fehlern zu lernen. Lernen ist eigentlich ein kontinuierliches Hinfallen und wieder Aufstehen. Aber wie nichts im Leben, ist auch das Thema Erfahrung nicht so simpel, so schwarz und weiß, wie es idealerweise sein sollte. Wäre Erfahrung nur so, wie ich es beschrieben habe, wären wir als Menschen deutlich weiter, aber wir sind Menschen. Und Menschen fallen nicht nur einmal wegen dem gleichen Grund, sie fallen auch manchmal sehr viel öfter über den gleichen Stein. Sie sind nicht bereit zu lernen oder erkennen die Ursache des Problems einfach nicht.

Erfahrung ist nicht nur positiv. Weil man viel erfahren hat, heißt das noch lange nicht, dass man daraus gelernt hat. In einigen Diskussionen mit Älteren kam öfter das Argument: “Ich bin schon so und so alt und dass musst du erst selber erfahren.” Sie nehmen ihre eigene Erfahrung als Autorität. Das ist in mindestens so vielen Fällen nicht gültig, wie es gültig ist. Trägheit in der Meinung und viele anderen Faktoren können das rein mechanische Lernen aus Fehlern beeinflussen. Oder anders gesagt, man kann, wegen seiner vorheriger Prägung gewisse Dinge nur in einer bestimmten Art und Weise deuten. Das hat zur Folge, dass man nicht neues entdeckt, sondern neues als vermeintlich altes deutet. Das muss natürlich nicht immer gelten, aber die Geschichte hat gezeigt, dass es schon oft genug gegolten hat. Immer wiederholende Kriege, kritikfeste Meinungen und vieles mehr  sind Zeugen von verfehlter Erfahrung.

Ich will Ältere nicht verurteilen, sie sind einfach die Verkörperung von viel bzw. mehr Erfahrung und zeigen gleichzeitig deren Wert. Dieser Wert kann hoch und niedrig sein. Abgesehen davon handeln Jüngere jetzt und in den kommenden Jahren auch nicht anders. Es ist einfach eine Feststellung über den Menschen. Und wie mein, doch weiser, Großvater einmal gesagt hat: “Wo Menschen sind, da menschelt es.”

Man sollte also seine eigene Erfahrung und die, die man in Form von Bildung erwirbt auch mal aus anderen Perspektiven betrachten und versuchen kritisch und neu zu bewerten. Man darf nicht neues Wissen immer mit altem bewerten, sondern man sollte sein gesamtes Bild regelmäßig auf den Prüfstand setzen. Wenn man sich dann verbessert hat man Grund zur Freude, weil man ein kleines Stück mehr erleuchtet ist. Es ist keine Schande seine Meinung zu ändern.

Aber auch dieser Rat ist leider nur idealistisch, meine Erfahrung hat mir beigebracht mit Fehlern zu rechnen. Aber vielleicht hilft es ja schon sich dessen etwas bewusster zu sein …

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